Solarboote auf dem Amazonas
Zahlreiche Boote mit Verbrennungsmotoren fahren täglich über den Amazonas – und belasten die umliegenden Wälder erheblich. Eine indigene Organisation will das ändern.
Am kleinen Flusshafen ist der Lärm ohrenbetäubend. Das tiefe Grollen der Motoren vermischt sich mit dem scharfen Klatschen der Wellen, die die abfahrenden Boote erzeugen. Dieselgeruch hängt schwer in der Luft und reizt Augen und Nase. Unser kleines Boot schwankt, während wir – eine Gruppe internationaler Journalist*innen – vorsichtig Platz auf den schmalen Holzbänken suchen und dabei den großen Batterien im Bug ausweichen.
Kurz darauf legt der Kapitän ab. Je weiter wir uns vom Ufer entfernen, desto deutlicher hören wir etwas, das hier fast fremd wirkt: Stille. Nur das sanfte Plätschern des Wassers am Bug und das gedämpfte Surren der Schiffsschraube sind zu hören – sie wird von einem der wenigen Elektromotoren in dieser Region angetrieben.
Wir befinden uns in Belém, einer Hafenstadt am Rand des Amazonasbeckens, im November 2025. Genauer: mitten auf dem Fluss Guamá, dessen Wasser eine lange Reise aus den Anden durch den Amazonas hinter sich hat, bevor es wenige Kilometer weiter in den Atlantik mündet. Der Elektromotor an Bord hat ebenfalls eine weite Reise hinter sich. Er stammt aus dem ecuadorianischen Amazonas und wurde von der indigen geführten Stiftung Kara Solar entwickelt.
Die Organisation entstand 2012 aus einer Vision des indigenen Volks der Achuar, das entlang der ecuadorianisch-peruanischen Grenze lebt. Sie wollten ein emissionsfreies Boot bauen, geformt wie ein Fisch – in ihrer Sprache „Tapiatpia“. Zusammen mit Techniker*innen konstruierten sie das erste solarbetriebene Boot des Amazonasgebiets: ein schlankes Schnellboot mit Solarpaneelen auf dem Dach. Ein möglicher Beginn einer elektrischen Revolution auf den Flüssen des Regenwalds?
„Boote sind unsere Autos, und die Flüsse sind unsere Straßen“, sagt Nantu Canelos, Präsident von Kara Solar und Mitglied der Achuar, am Hafen. Auf seinem Kopf und Oberkörper trägt er kunstvollen Federn- und Perlenschmuck, feine blauschwarze Linien zieren sein Gesicht.
Rund 90 Prozent des Verkehrs im Amazonasgebiet findet über die Flüsse statt – fast ausschließlich mit Verbrennern. „Diese Motoren verschmutzen unsere Luft, verursachen Lärm und vertreiben Tiere wie Vögel, Fische und Flussdelfine“, erklärt Canelos. Studien zeigen, dass der Lärm fossiler Bootsmotoren das Verhalten von Fischen stört, ihre Kommunikation beeinträchtigt und sie leichter zu Beute von Räubern macht. Viele Motoren verlieren selbst im Stand Öl – eine zusätzliche Belastung für die Umwelt.
Die Hüter des Amazonas
Früher waren die indigenen Gemeinschaften ausschließlich mit Kanus unterwegs. Doch Mitte des 20. Jahrhunderts drangen evangelikale Missionare in die bis dahin isolierten Gebiete vor und brachten, was sie „Entwicklung“ nannten: Kleidung, importierte Nahrungsmittel, Elektrizität – und ihren Glauben. Motorisierte Boote verkürzten Wege, Generatoren brachten künstliches Licht. Doch der Preis war hoch: Viele verloren Teile ihrer Religion, Tradition und kulturellen Identität – und die Natur litt ebenfalls.
Dabei sind die indigenen Völker entscheidend für den Schutz des Amazonas. Sie verwalten fast ein Drittel des Regenwaldes und gelten als seine effektivsten Hüter. Ihre Territorien zählen weltweit zu den erfolgreichsten Schutzgebieten. Dennoch ist der Amazonas – Heimat von rund zehn Prozent aller bekannten Arten und einer der wichtigsten Kohlenstoffspeicher des Planeten – stark bedroht. Abholzung, Brände und der fortschreitende Klimawandel treiben ihn an einen gefährlichen Kipppunkt, dessen Überschreiten globale, unumkehrbare Folgen hätte.
Seit 2018 arbeitet Kara Solar als gemeinnützige Organisation und bietet ihre Dienste für Gemeinden im Amazonasgebiet an – staatliche Unterstützung erhält sie dafür nicht. Finanziert wird das Projekt von internationalen Stiftungen und Organisationen. „Mittlerweile haben wir vier Boote in Ecuador sowie weitere in Peru, Brasilien, Surinam und auf den Salomonen“, berichtet Canelos. Sie liegen jeweils in unterschiedlichen Gemeinden vor Anker.
Das Boot, auf dem wir unterwegs sind, stammt jedoch nicht aus Ecuador, erklärt Kapitän Walter Washikiat. Er ist technischer Koordinator bei Motores Amazonas, dem Partnerbetrieb von Kara Solar, der Elektromotoren speziell für die Bedingungen im Amazonas entwickelt. Die Motoren gehören zur neuesten Generation: Sie sind für kleinere Boote geeignet, lassen sich flexibel montieren und mithilfe von Solarenergie laden.
Solare Zentren als Energie- und Gemeinschaftsknotenpunkte
Canelos und sein Team arbeiten seit Jahren an einer „elektrischen Revolution“ auf den Flüssen des Amazonas – doch ihre Vision reicht weiter. Mit den sogenannten Centros Solares haben sie eine Alternative zu den Dieselgeneratoren geschaffen, die viele Gemeinden bislang mit Strom versorgen. In diesen Solarzentren können nicht nur Akkus für Bootsmotoren geladen werden; sie dienen zugleich als Treffpunkte für die Gemeinschaft. „Es geht auch um Naturschutz – und darum, wie wir über Naturschutz sprechen“, sagt Canelos.
Der Weg dahin war alles andere als einfach. „Viele haben an unserer Vision gezweifelt“, erinnert er sich. In der täglichen Wayusa-Zeremonie, die jeden Morgen um vier Uhr stattfindet, versuchten die Achuar immer wieder, ihre Sorgen über die Abhängigkeit von fossilen Motoren zu thematisieren. „Benzin ist für uns viel teurer als in den Städten, weil es erst über große Distanzen transportiert werden muss“, sagt Canelos. Hinzu kommt, dass die Gemeinschaften damit an einen Rohstoff gebunden bleiben, gegen dessen Förderung sie seit Jahrzehnten kämpfen.
In den 1960er-Jahren begann der ecuadorianische Staat Ölkonzerne in den Amazonas zu holen – ohne die indigenen Bewohner zu konsultieren. Die Folgen sind bis heute dramatisch: wiederkehrende Öllecks, Verschmutzungen und massive Umweltzerstörung. Erst vor Kurzem erkämpften indigene Völker ein historisches Referendum, bei dem die ecuadorianische Bevölkerung sich gegen weitere Ölförderung im Yasuní-Nationalpark aussprach. Doch umgesetzt wurde bisher kaum etwas.
Wie realistisch ist die elektrische Revolution?
Eine unabhängige Forschungsgruppe der Universität Köln hat untersucht, wie tragfähig unterschiedliche elektrische Bootsmodelle im Amazonas sind – hinsichtlich Technik, Wirtschaftlichkeit und ökologischer Nachhaltigkeit.
Die Ergebnisse sind klar: Solarbetriebene Boote können fossile Motorboote auch auf langen Strecken ersetzen. Laut Studie sind sie nicht nur besser für Umwelt, Klima sowie Mensch und Tier, sondern auf Dauer auch finanziell vorteilhafter. Kara Solar gilt den Autor*innen als erfolgreiches Beispiel.
Das Potenzial ist also vorhanden. Doch um es voll nutzen zu können, braucht Kara Solar mehr externe Finanzierung – und idealerweise staatliche Unterstützung, betont Canelos. Unter der derzeitigen ecuadorianischen Regierung des konservativen Präsidenten Daniel Noboa sei das jedoch kaum zu erwarten; dieser setzt weiter auf Projekte mit fossilen Unternehmen.
Trotzdem zeigt der Erfolg von Kara Solar, dass Veränderung möglich ist – auch von unten. Sichtbare Verbesserungen im Alltag der Gemeinden und der Zustand der Umwelt belegen, dass die elektrische Transformation der Flüsse kein Wunschdenken ist, sondern bereits begonnen hat.
